Klipsch Cornwall und Heers, Horn-Lautsprecher

Welche Händler auch aktuell Klipsch bei Ihnen zuhause präsentieren, erfahren Sie hier.

Bis aus der Zufallsbegegnung eine Affäre, aus der Affäre Zuneigung, aus Zuneigung Leidenschaft und aus Leidenschaft Liebe wurde, flogen zwischen drei Südstaatlern – einem Bayern und zwei US-Amerikanerinnen aus Hope, Arkansas – gehörig die Fetzen. Nach Irritationen, Enttäuschungen und einer Trennung auf Zeit drohte die Beziehung sogar kom- plett zu scheitern. Doch dann, eines Nachts, die rettende Eingebung – und plötzlich machte es klick …

von Ulrich Michalik

Klipsch Cornwall
Klipsch Heresy

Ich war Jungredakteur bei Stereo, als meine Erstinspektion des Redaktions­lagers zwei schrankähnliche, mehr schlecht als recht in Decken gehüllte Gebilde zutage förderte, die sich als waschechte Klipschörner entpuppten, importiert von einem der liebenswertesten aller Vertriebs­exzentriker, Hermann – The German – Hoffmann von Audio Int’l. Eine dicke Staub­schicht verriet, dass sie ihrer Berufung schon lange nicht mehr nachgegangen waren, aber zumindest organisch schien so weit alles in Ordnung. Nun muss man wis­ sen, dass Klipschörner Mitte der 1980er nicht unbedingt als der High Fidelity letzter Schrei galten, schließlich hatten sie bereits damals eine gut 30­jährige Karriere auf dem Buckel. Redakteurslegenden wie Reinhard Wendemuth oder der leider viel zu früh gestorbene Klaus Renner (später Das Ohr), die seinerzeit tapfer die highendigen Fahnen von Stereo und deren kleiner Schwester HiFi Exklusiv hochhielten, beschäftigten sich also verständlicherweise lieber mit brandneuen Magnepans, Heil Air Motion Transformern oder dem Jota­System von Outsider. So blieb es mit HiFi­Stereophonie­ Chef Karl Breh ausgerechnet dem vermeintlich (!) erzkon­servativsten aller teutonischen HiFi­Blatt­ macher vorbehalten, ein nachgerade enthu­siastisches Loblied auf die Klipschörner zu singen, gewissenhaft untermauert mit nicht weniger als spektakulärenMessergebnissen.

Mit diesem Artikel im Hinterkopf und, wenn ich mich recht entsinne, den kleinen Kebschull ­Röhrenmonos reanimierte ich die Klipschörner, die ihrerseits binnen weniger Takte jeglichen Anflug von Taunus­Sound­ Mief aus dem Hörraum pusteten und im Handumdrehen die gesamte Verlagsbeleg­schaft auf den Plan riefen. Die Meinungen über die burschikose Dynamik und waffen­scheinpflichtigen Pegel der Klipschörner waren weiland wie heute nicht ungeteilt :

Die einen, darunter die jungen Damen der Anzeigenabteilung, schienen aufrichtig ent zückt, die anderen, zumal in Gestalt des Verlagsgeschäftsführers, aufrichtig entsetzt. »Herr Michaaaaaaalik, geht’s nicht ein biiiiiiiisschen leiser ?« Es ging natürlich, musste ja, und es sollte auch noch eine ganze Weile dauern, bis es sich meiner mit finaler Wucht bemächtigte, aber das Klipsch-Virus war implantiert.

Fast forward, Oktober 2016. Was meinen Vinylfetisch und meine keineswegs nur beruflich motivierten Hardware-Eskapaden angeht, legte meine Frau drei Jahrzehnte lang den Gleichmut einer Zen-Priesterin an den Tag. Das zeitweise halbe Dutzend Lauf-werke im Wohnzimmer ertrug sie, abgesehen von gelegentlichen Stoßseufzern, mit der gleichen stoischen Fassung wie die 14 zu drückenden Netzschalter (Quelle, Vorverstärker, Phonoteil, Aktivweiche, acht Mono-Endstufen plus zweimal Bassabteil der vollaktiven 5-Wege-Lautsprecher), ehe Carmen Miosga oder Django Asül endlich in Bild und Ton zur Verfügung standen. Denn der Fernseher hing bei Michaliks traditionell an der großen Anlage. Flankiert von kilometerweise Kabel.

Aus, vorbei. In einem jähen Anflug vor- weihnachtlicher Nächstenliebe vollzog ich den Radikalschnitt: Bye-bye Overkill, hello Downsizing. Da ein hierarchischer Abstieg innerhalb des seit ewigen Zeiten präferierten Markenportfolios völlig ausschied – wer will sich schon verschlechtern und dann auch noch permanent daran erinnert werden? –, musste etwas her, bei dem sich Vergleiche mit dem Liebgewonnenen a priori verboten. Ergo: klein > tragfähig > passiv > hocheffizient > Single-Wiring > Single- Amping > erstklassiger Stammbaum > Klipsch Heresy. Ich ergatterte ein wunderschönes, gänzlich unverbasteltes Pärchen der gesuchten ersten Generation, ließ mir vom Schreiner zünftige Ständer bauen und brachte die Dinger nicht zum Laufen. Egal, was dranhing – Röhre, Transistor, Class A, Class B, deutsch, amerikanisch, schottisch –, es tönte bescheiden. Inzwischen weiß ich, warum, und auch, wie man’s richtig macht. Dazu später mehr, versprochen. Im November 2016 kam mir nach Wochen des stillen Leidens bis lautstarken Haderns nur eines in den Sinn – besagtes Downsizing außer Kraft zu setzen.

Trotzdem war ich einigermaßen perplex, denn was der Spediteur auf Riesenpalette vor meiner Haustür deponierte, war um einiges ausladender, als es die nüchternen Prospektdaten hatten erhoffen lassen. O je, was würde wohl meine Frau sagen? Im Vergleich zu den schnuckeligen Heresys mussten die mithilfe eines fluchenden Nachbarn an ihren neuen Bestimmungsort gehievten Cornwalls wie verkappte Raumteiler wirken. »Find’ ich okay«, urteilte sie zu meiner grenzenlosen Erleichterung, »die haben etwas sympathisch Unaufgeregtes an sich.« Und seither liebe ich sie noch mehr, meine Frau.

Bevor sich zwischen den Cornwalls, Baujahr 1978, selbstredend im klassischen »Oiled Walnut«-Outfit, und mir so etwas wie eine Liebesbeziehung anbahnte, hatten die Götter viel Schweiß, viel Ehrgeiz, viel Recherche und viel Frust gesetzt. Zwi- schenzeitlich musste mein Nachbar beim Rein- und Rauswuchten aus dem Wohn- zimmer zwei weitere Male fluchen, und ich war drauf und dran, entnervt das Hand- tuch zu werfen. Denn was ich auch unter- nahm, es fehlte der rechte Kick, der Schmiss, der Groove, das gewisse Etwas, das, wofür Klipsch steht und von dem ich felsenfest überzeugt war, dass es die Corn- wall draufhatte. Erst kurz vor dem Fest, mit- ten in der Nacht, die rettende Eingebung. Nomen est omen – die Cornwalls sind nicht nach dem beschaulichen südenglischen Landstrich benannt, sondern weil sie entwe- der in der Ecke (corner) oder an der Wand (wall) platziert sein wollen. Das war mir natürlich geläufig, was mir nicht bewusst war, ist die Konsequenz, mit der man sich daran halten sollte. Eckenaufstellung war aufgrund des zu niedrigen Kniestocks keine Option(sonst stünde dort ein Klipschorn), also ran an die Wand respektive das, was in unserem Domizil vor beinahe jeder Wand steht, das Schallplattenregal.

Und plötzlich machte es klick. Wie weit genau man nach hinten rücken sollte, wird letztlich die jeweilige Raumakustik diktieren. Doch eines muss der Cornwaller beher- zigen: Des Audiophilen Lieblingsplatzierung, frei mitten im Raum, ist nicht. Der Bass ist etwa sechs Dezibel leiser als Mittel- und Hochtonhörner, und diese Differenz will via Wand-/Eckennähe egalisiert werden. Sonst droht tonale Eiszeit, Anämie. Kein Beinbruch, bei meiner highfidelen Vita mit praktisch an die Wand getackerten Iso- bariks, Kabers und Keltiks etc. Was überraschte, waren die ungewöhnlich breite erforderliche Stereobasis – gut dreieinhalb Meter bei knapp vier Metern Abstand zum Sofa – sowie das unverzichtbare Auf-Achse- Einwinkeln. Das Hochtonhörnchen zielt mir jetzt direkt zwischen die Augen, bei Nichtbeachtung gibt’s die Quittung in Form von Informationsentzug. Liest sich nicht grundlegend anders als das, was einem auch viele andere hochauflö- sende Lautsprecher an Aufstellungssorgfalt abverlangen. Aber schwer in Worte zu fassen ist, wie hypersensibel, wie mimosenhaft die Cornwall auf Kabelunterschiede, auf jeden Zentimeter, ach was, Millimeter Verrücken reagiert. Nur zwei Beispiele: Solid-Core-Typen verschmäht sie Gift und Galle spuckend, gute Vier-Quadrat-Standardstrippen sind ihr entschieden sympathischer, doch am liebsten hält sie’s nach vorläufiger Einschätzung mit kunstvoll verschachtelten High-End-Tauen wie dem leider nicht mehr erhältlichen Seven Brains 11 vom seligen Heinz Stadthaus. Da die serienmäßigen Sockel nicht zum Lieferumfang meiner Cornwalls zählten und ich sie nicht direkt auf den Teppichboden stellen mochte, behalf ich mir zunächst mit etwa zwei Zentimeter hohen Kegelspikes. Typischer Anfängerfehler: Am saubersten klingt’s,wenn der Abstand zur Stellfläche genauso groß ist wie von Paul Wilbur Klipsch vorgegeben, fünf Zentimeter.

»Die Cornwall ist das HiFi-Pendant zum Willys-Jeep: rustikal, unzerstörbar, ein Musterbeispiel für smarte Ökonomie.

Je intensiver ich mich mit diesem Schallwandler auseinandersetze, desto mehr wächst meine Hochachtung vor seinem geistigen Vater. Die Cornwall ist das musikalische Pendant zum Willys-Jeep: rustikal, unzerstörbar, null Firlefanz, rundum bleischweres 19-mm-Birkenmultiplex, die schlichte, doch keineswegs billige Weiche ein Musterbeispiel für smarte Ökonomie: zwei Ölpapierkondensatoren von Aerovox im Coladosenformat, dicke Eisenkernspule im Verein mit Autotrafo – that’s it. 40 Jahre jung, wer weiß wie viele Feten auf dem Buckel und funzt wie am ersten Tag. Genauso betagt die Chassis. Im Bass derselbe legendäre, beinhart aufgehängte Papp-38er vom Typ K33E, wie er auch in Klipschorn, Belle und La Scala der Epoche zu Hause ist. Die fetten Sicken nicht etwa aus selbstzerstörendem Schaumstoff, sondern harzgetränktem Gewebe. Auf die nächsten 40 Jahre. Mitten und Höhen werden in meinen Cornwalls von K55V respektive K77 beackert, beides Treiber mit erlesenen Alnico-Magneten und gusseisernen Hörnern. Beim Versuch, die als locker verdächtigten Montageschrauben nachzuziehen, hätte ich mir um ein Haar den Arm ausgekugelt – alle saßen ausnahmslos wie eingemauert.

Wer mit Klipsch die landläufigenVorurteile gegen Hornkonstruktionen verknüpft und zum ersten Mal die Cornwall hört, wird sein audiophiles Weltbild mit hoher Wahr- scheinlichkeit neu justieren müssen. Jedenfalls ging es bislang jedem so, der sie in meiner Kette kennengelernt hat, inklusive und allen voran mir selber. Die erste Reaktion zeugt ausnahmslos von totaler Verblüffung: Die verfärben ja gar nicht. Stimmt. Bei artgerechter Haltung und mit opportunen Zuspielern verfärben Cornwalls nicht mehr als andere Lautsprecherhochkaräter, inzwischen meine ich sogar, tendenziell eher weniger.

Vorsicht: Ehe man sich dekadenten Pegelorgien hingibt beziehungsweise ein Kamin- feuerchen schürt, um sein Lieblingsstreichquartett mit ein, zwei Fläschchen 1990er Château Margaux runterzuspülen, ist mit penibelster Sorgfalt die Elektronik zu wählen. Nicht, dass bei rund 100 dB/W/ m Wirkungs- grad und kreuzbraver 8-Ohm-Impedanz schiere Wattleistung oder Laststabilität das Thema wären. Gefragt, ja unverzichtbar, sind a) Qualität und b) Kongenialität. Ich habe die Cornwall mit diversen bestens beleumunde- ten und tonal eher soften Ami-Röhren vergleichbaren Semesters gefüttert wie auch mit den preussisch-exakten Parallel-Single- Ended-Kreationen von Günter Welter. Ich hab sie mit den homöopathisch dosierten Edel-Strömchen einer verschwenderisch selbst gestrickten 300B zu bezirzen versucht und ihr mit den 500 Torpedo-Watt meiner Klimax Solos feist grinsend den Hintern versohlt. Aber hängen geblieben und glücklich geworden bin ich erst mit Manni Baiers kleinen Omtec-Monos, die zweimal 25 Class-A- Watt mobilisieren und deren Geburt kein heutiger Twen miterlebt hat.

Was nicht heißt, dass damit das Ende der Fahnenstange erreicht oder eine historische Transistorendstufe oberste Pflicht wäre. Am Beispiel Omtec sei lediglich demonstriert, was bereits für überschaubares Geld möglich ist. Ich kann mir an der Cornwall lebhaft eine Jadis JA 30 vorstellen oder etwas Fettes von Audio Research. Und wie ich mich kenne, wird es nicht ewig beim Vorstellen bleiben …

Zermalmen Klipsch-Tieftöner wirklich Zahnfüllungen? Verursachen sie Früh- geburten und fressen kleine Babys? Meine Cornwalls nicht, zumindest nicht in meinem Raum, einer Bassfalle reinsten Wassers. Hier benehmen sie sich außerordentlich zivilisiert, zivilisierter als jedes andere mir bekannte Bassreflex-Design, für den Teilzeitrabauken in mir fast schon zu zivilisiert, weil mehr den Magen denn das Gemächt ins Visier nehmend. Nix zum U-Boot-Versenken demnach, je nach Abstand zu Ecke und Rückwand ist bei 40 und ein paar zerquetschten Hertz rauf oder runter Schluss. Wie sollte es auch anders sein, schließlich fehlt es der Cornwall trotz Dolly-Parton- Oberweite an Arbeitsvolumen, um mit einem derart hart aufgehängten Basstreiber und der erwähnten gesunden Effizienz noch tiefer in den Frequenzkeller zu marschieren.

Entschädigt wird man mit brettharten, blasentrockenen, ansatzlosen Hieben, die obendrein etwas kennzeichnet, was mir im Zeitalter des Polypropylen regelmäßig Freudentränen in die Augen treibt: Statt anorganischem One-Note-Gerülpse bringt der fürstliche Papp-38er Farbe und Timbre ins Spiel, es sind leibhaftige Finger am Zup- fen, stramme Bizepse am Trommeln. An die Stelle monotoner, tonhöhennivellierter subsonischer Blähungen tritt das Knarzen, das Schwirren und Schnurren mal dickerer, mal dünnerer Kontrabasssaiten (Oscar Peterson Trio, We Get Requests, Verve V6 8606). In dieser Deutlichkeit vielleicht erstmalig nehme ich wahr, dass die Felle von Charlie Watts’ Drumkit auf fast jedem Track von Let It Bleed (Decca SKL-5025) unterschiedlich straff gespannt sind.

Kleine Anekdote am Rande : Paul Klipsch war in den 1960ern stark in die Berech- nung der Thiele-Small-Parameter involviert, anhand derer sich das Verhalten des elektrodynamischen Wandlers erstmals wissenschaftlich beschreiben ließ. Es stellte sich heraus, dass die dem amerikanisch-australischen Forscherteam als Studienobjekt zur Verfügung gestellte Cornwall besagten Parametern bis auf drei oder vier Prozent genau entsprach – eine veritable Sensation angesichts der Tatsache, dass sie bereits 1959 auf den Markt gekommen und selbstredend ohne jegliche Computerunterstützung entwickelt worden war. Die Cornwall blieb unangetastet. Bedenkt man auch noch, dass sie, wie die zwei Jahre ältere Heresy, als Centerlautsprecher eigentlich nur das Mittenloch zwischen zu weit auseinander stehenden Klipschorns hätte füllen sollen, wird klar, welch ein Visionär da am Werk war.

Verändert wurde später unter anderem mal der Hochtöner. Weil der Rohstoff Kobalt einem Exportembargo zum Opfer fiel, wurde der Alnicomagnet beerdigt und zum Trost die obere Übertragungsfrequenz von 17 auf 20 Kilohertz angehoben. »So what«, befand sogar Paul Klipsch selbst. Dem seit Militärzeiten vom Tinnitus Geplagten war Verzerrungsarmut immer entschieden wichtiger als akademisches Fledermaus- Entertainment.

Kann ein »nur« bis 17 Kilohertz jubilierender Hochtöner überhaupt genügend Details liefern? Er kann. Und wenn er so gut im Futter steht wie das K77-Horn, identisch mit dem berühmten T-35 von Electro Voice, dann schaufelt er im Zweifelsfall sogar mehr Nuancen frei als viele dieser angeblichen Super-duper-Kalöttchen, denen mit zuneh- mender Lautstärke buchstäblich der Atem stockt. Um keine trügerischen Hoffnungen zu schüren : Das letzte Quäntchen an Luftig- keit, Strahlkraft und Glanz unterschlägt die Cornwall, was – Stichwort: Diffraktions- effekte – nicht zuletzt ihrer ausladenden, unbeflockten und auch nicht bündig mit den Gehäusevorderkanten abschließenden Schallfront geschuldet ist.

Trotzdem bleibt einem je nach Temperament und Gemütszustand die Spucke weg oder man springt erschrocken vom Hörplatz hoch, wenn die rüstige Lady mal wieder wie auf dem Präsentierteller aufnahmetechnische Extravaganzen kredenzt, derer man vorher schlichtweg nicht gewahr wurde. Oder wussten Sie, dass auf der englischen Urpressung von Donovans Greatest Hits (Pye NSPL 18238), z.B. auf Colors, kurze, aber verboten hoch ausgesteuerte Passagen lauern, mit Transienten, die es scheinbar nur darauf abgesehen haben, wenig tritt- feste Tondosen und halbscharige Hochtöner in hohem Bogen aus der Umlaufbahn res- pektive ins Jenseits zu katapultieren?

Wie ihre Geschwister Klipschorn, Belle, La Scala und Heresy steht die Cornwall bei Jazzfans traditionell besonders hoch im Kurs. Dem wird niemand widersprechen, der sie das phänomenale Intermezzo von Schlagzeug, Piano und Bass auf Dave Brubecks Take Five (Columbia CS 8192) oder Miles Davis’ atemberaubende Trompeten-Pyrotechnik auf Tutu (WB 925490-1) hat zelebrieren hören.

Anrührend, wie Astrud Gilbertos Mini- Stimmchen das Girl From Ipanema ins Mikro trällert, via Panorama-Poti je nach Jahrgang und Herkunft der Pressung nach links- oder rechtsaußen der Stereobühne gebeamt. Und erst dieses überdimensionale, aber umwerfend präsente Saxofon … (Getz/Gilberto, Verve V6-8545).

Dem Blueser in Ihnen und mir hüpft vor Wonne das Herz, wenn Lightnin’ Hopkins, der alte Chauvi, seiner Gefährtin im Falle mangelnder Willfährigkeit mit dem Griff zur Pulle droht und sein Bariton dabei so unwiderstehlich selbstironisch knurrt, dass man ihm jede Sünde vergibt (Goin’ Away, Bluesville BV 1073). Oder wenn Muddy Waters, der ewige Stenz, dem kleinen Schulmädchen einen guten Morgen wünscht und das angebliche Fehlen amouröser Hintergedanken mit seiner gestrummten Akustik- Gibson derart lasziv konterkariert, dass Mutter Teresa sein muss, wer ihm den net- ten Onkel auch nur einen Akkord lang abnimmt (Folk Singer, Chess LPS-1483).

Rock ’n’ Roller und Klassiker müssen derweil nicht darben. Auf Ry Cooders famosem Tamp ’Em Up Solid vom 1974er- Album Paradise And Lunch (Reprise MS 2179) flirren die Gitarrensaiten, quietschen die Griffbretter, kracht Jim Keltners Bassdrum-Schwarte, jubiliert wie aus dem Nichts der Damenchor gefühlte fünf Meter hinter der Boxenbasis. Und nach Ruggiero Riccis finalem Bogenstrich und dem erupti- ven Schlussakkord des London Symphony Orchestra hat man eine Carmen Fantaisie (Decca SXL-2167) durchlebt, so intensiv, so mitreissend und aufwühlend wie keine zweite, hängt geplättet im Fauteuil und fragt sich, welcher Himbeertoni die seither ständig repetierte Latrinenparole verzapft hat, eine Klipsch könne keine Streicher.

Und überhaupt, wie kommt’s, dass Klipsch in Europa nicht annähernd das audiophile Standing hat wie in den Staaten und Fernost, wo die Marke absoluten Kultstatus genießt und ihr Namensgeber zurecht in einem Atemzug genannt wird mit Koryphäen wie Peter Walker? Dabei herrschte an prominenten Fans nie ein Mangel. Mark Levinson etwa beantwortete die Frage nach dem besten bezahlbaren Lautsprecher wie aus der Pistole geschossen mit Klipsch, und auch in Studiokreisen hatte Klipsch lange einen Ruf wie Donnerhall. J. J. Cale, gelernter Toningenieur, mischte einige seiner musikalisch schönsten und am zackigsten klingenden Tracks nicht zufällig über Klipsch-Monitore ab.

Dass Dynamik, grob wie fein wie makro und mikro, eine Paradedisziplin der Corn- wall darstellt, ist so zutreffend wie halbwahr. Mindestens ebenso entscheidend ist das, was unter dem Begriff Zeitdomäne subsumiert und hoffentlich greifbarer wird, wenn wir es mit Rhythmus und Tempo, Timing, Drive und Taktgespür übersetzen. Sie kennen das Dilemma: Heutzutage ist man schon froh, überhaupt noch einen Laut- sprecher zu finden, der zum Fingerschnippen animiert. Und vollends aus dem Häus- chen gerät man fortgeschrittenen Alters, wenn gelegentlich sogar das Tanzbein juckt. Welch ein Jungbrunnen dagegen die Cornwall: Da switcht man im fliegenden Wechsel zwischen Luftgitarre und Luftbass, Luftschlagzeug und Luftfiedel, schwingt in entfesselter Maestromanier den Taktstock, schmettert aus voller Kehle I hope I die before

I get old … und Kennt ihr Granada bei Nacht und landet erst wieder auf dem Boden der Realität, wenn das soziale Umfeld spitz befindet, das Singen möge man doch lieber Roger Daltrey und Fritz Wunderlich überlassen.

Wenn Sie bis hierher durchgehalten haben, verdienen Sie eine Belohnung: Das oben Geschilderte gilt mit Abstrichen bei Bass und Maximalpegel auch für die Heresy. Und die ist aus zweiter Hand ent­schieden leichter zu finden und entsprechend preisgünstiger (ca.600€/Paar statt 1600 € /Paar). Streng genommen ist die Heresy sogar der ehrlichere Schallwandler, ganz einfach deshalb, weil sie sich ihrer zierlicheren Physis wegen selber viel weni­ ger im Wege steht als die große Schwester. Das Ergebnis ist trotz identischer Mittel­hochtonbestückung eine feinere Detailauf­lösung, facettenreichere Mitten sowie eine merklich tiefere Klangbühne. Ihr wie bei der Cornwall knallhart eingespanntes 12­ Zoll­ Basschassis lässt im Verein mit dem bescheidenen Volumen und der hohen Empfindlichkeit in puncto Bassaus­dehnung keine Wunder zu. Unterhalb ca.70 Hertz wird je nach Rückwand­ und Eckenabstand mehr oder minder rasant nur noch heisse Luft produziert. Oberhalb besagter 70 Hertz freilich ist die Heresy, adäquate Hörraumdimensionen und ähnlich entfesselte Mitspieler vorausgesetzt, ein Unikum, gegen das hörspaßmäßig fast kein Kraut gewachsen ist. Schon gar nicht in ihrer Preis­ und Hubraumliga. Ein hin­länglich flotter geschlossener Subwoofer muss auch kein Vermögen kosten, wie etwa der kleine SB12 von SVS.

Man kann Cornwall wie Heresy zu vernünftigen Tarifen noch immer nagelneu und made in Hope, Arkansas, kaufen, wobei ich nicht zu jenen zähle, die über die aktuellen Heritage­ Versionen die Nase rümpfen, ohne sie im Zweifelsfall je gehört zu haben. Der Unterschied ist vergleichbar mit einem sau­ber eingestellten mechanischen Doppelver­gaser und einer elektronischen Multipoint­ Einspritzung. Beides hat Vor­ und Nachteile, beides seinen Charme und beides seine Berechtigung, solange unter der Haube Rassepferdchen mit den Hufen scharren.

Die Chassis sind zwar nicht mehr diesel­ben wie früher, die Gehäuse nicht mehr aus akustisch lebendigem Sperrholz (was kein Fehler sein muss), sondern mauseto­tem MDF (was häufig ein Fehler ist), die Weichenabstimmung dem Zeitgeist entsprechend eher auf Konsens denn Krawall getrimmt. Geblieben sind Wirkungsgrad, Presslufthammerdynamik und Temperament. Und: Fällt uns Oldie-Besitzern wirklich ein Zacken aus der Krone, wenn wir konstatieren, dass sich die neuen Titan-Mittel- und -Hochtonhörner jene Überdosis Tabasco verkneifen, die die alten Mylar Membranen häufiger, als uns lieb ist, ins Frostige kippen lässt?

Trotzdem, schenken Sie sich Tuningoperationen wie den Austausch der Chassis oder der Ölpapierkondensatoren und Eisenkerne gegen, laut Papierform, überlegene Folientypen und Luftspulen. Sofern Originalchassis und Originalweiche wohlauf sind, bewirkt man damit ungeachtet etwaiger Fortschritte in Einzelkriterien letztlich nur eine Charakterverschiebung, mithin genau das, was man Klassikern wie Cornwall und Heresy tunlichst ersparen sollte. Vom unweigerlichen Wertverlust ganz zu schweigen.

Hüter der reinen Lehre werden auch nachgerüstete Bi-Wiring-Terminals verteu- feln, doch davon sollten Sie sich nicht abschrecken lassen, zumal der Umbau extrem einfach und vor allem ohne irreversible Eingriffe in die Weichenschaltung zu bewerkstelligen ist. Ich empfand die getrennte Ansteuerung von Mittelhochton- und Basszweig von der ersten Sekunde an als fantastische Verbesserung, inklusive des bekannten damit einhergehenden psychoakustischen Phänomens: Der Bass wirkt nicht etwa kräftiger und voluminöser, vielmehr um einiges schlanker, aber zugleich zackiger, trockener, rhythmisch pointierter, korrekter getimt und, jawohl, spürbar abgründiger als zuvor. Hohe Stimmlagen, im Single-Wiring tendenziell angeraut und minimal gepresst, gewinnen an Gelöstheit, Schmelz und Artikulation, der Raum mit allen darin sich tummelnden Schallquellen an Transparenz und Umrissschärfe, das Obertonspektrum an Offenheit und Finesse.

Geschafft? Nicht ganz. Multiplizieren Sie zum Schluss das im letzten Absatz Geschil- derte noch mit einem Faktor Ihrer Wahl, und Sie bekommen eine grobe Vorstellung davon, was einem winkt, wenn Mittelhochton- und Basszweig nicht nur von getrennten Kabeln, sondern auch noch von getrennten Verstärkern befeuert werden – ganz großes Kino, ganz große Oper! Im konkreten Fall ist es ein Pärchen Omtec CA-60, die großen Schwestern der eingangs erwähnten CA-25-Monos, vom Leistungsbedarf her hätte es ein zweites Duo der Kleinen natürlich genauso getan.

Exile On Main Street (Rolling Stones Records COC 69100) landet zum hundert- tausendsten Mal auf dem Plattenteller, aber dank Bi-Amping erhasche ich im dicht verwobenen Multitrack-Mix vormals komplett verschütteten Harmoniegesang von Mick mit sich selber. Keith und der andere Mick bombardieren sich derweil auf zig Overdubs gegenseitig mit den saftigsten und zuvor ebenfalls nie vernommenen Telecaster- und Les-Paul-Licks. Man riecht förmlich den Schweiß auf der Haut, die Marlboro im Mundwinkel, den Jack Daniel’s in der Kehle, badet in der dampfenden Treibhausatmo- sphäre des zum Studio umfunktionierten Kellergewölbes von Villa Nellcôte, Ville- franche, Südfrankreich, anno 1971, und fühlt sich im siebten Rock-Himmel.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leser, aber genau solche vermeintlichen Petitessen sind es, die Musik für mich zur Passion und High Fidelity zu einem nimmer endenden Faszinosum machen. Die Moral von der Geschicht’ verblüfft mich selber vermutlich am allermeisten: Cornwall und Heresy mögen nicht die »besten« Schall- wandler sein, die ich je gehört oder besessen habe, geschweige denn die pflegeleichteste oder anspruchslosesten. Aber es sind die unterhaltsamsten, faszinierendsten und, nach langen Irrungen und Wirrungen, die im wahrsten Wortsinn befriedigendsten. Im Lautsprecherbau des vergangenen halben Jahrhunderts wurde unterm Strich so gut wie nichts erfunden, was ich ernsthaft an ihnen vermisse. Ehrlich, ich kann’s kaum erwarten, die nächste Scheibe aufzulegen.

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