Heco Direkt Einklang, Stand-Lautsprecher

Die Heco Direkt Einklang wurde nicht als harmlose Konsens-Box konstruiert, sondern als klares Klang-Statement, das begeistert, aber auch polarisiert: Manchen Musikfreunden wird sie zu ungezähmt sein. Andere finden mit ihr den verloren geglaubten Spaß am Musikhören wieder. 

von Bernhard Rietschel

Hier ist der Name Programm: Diese ungewöhnlich breit bauende Stand­box gibt den gesamten Frequenz­ umfang der Musik mit nur einem Treiber wieder. Das soll hohen Wir­ kungsgrad und gute Impuls­ und Abbildungsfähigkeiten bringen.

2000-Euro-Standboxen sind wie James- Last-Platten : Die Auswahl ist überwältigend, der Klang so angenehm wie nichtssagend : Spätestens wenn man die dritte gehört hat, fragt man sich, wo der Unterschied zu den ersten beiden lag – und spürt, dass Musikhören auch schon mal spannender war.

Mit der Direkt-Boxenfamilie bringt Heco den Thrill zurück, ohne den HiFi-Gedanken zu verraten. Die drei Modelle widersetzen sich dem Modediktat, das kümmerlich-schmale Schallspargel fordert. Sie stehen stolz, breit und rallyegestreift auf hohen Alu-Absätzen im Wohnzimmer – und hinterlassen auch klanglich bleibenden Eindruck.

Die Einklang ist die kleinste, spannendste und technisch interessanteste Direkt-Box. Für sie – und nur für sie – haben die Heco-Entwickler auf ein uraltes Bauprinzip zurückgegriffen, das minimalistisch wirkt, aber gerade durch seine Einfachheit schwer zu beherrschen ist: Die Einklang ist ein echter Breitbänder, der also das ganze Frequenzspektrum mit nur einem Treiber verarbeitet. Damit entspricht dieser Lautsprecher per Definition dem Ideal der Punktschallquelle, das opti­male Abbildung verspricht, und bringt bau­ artbedingt alle Voraussetzungen für per­fekt zeitrichtige Impulswiedergabe mit. Frequenzweichen und dadurch verursachte Phasenverschiebungen entfallen komplett, denn es gibt pro Kanal nur genau eine Schwingspule anzutreiben. Das wiederum macht den Breitbänder zu einer traumhaft leichten Last für den Verstärker, dessen Leistung und Laststabilität klanglich kaum mehr ins Gewicht fallen. Zur Herausforderung wird das Breit­band­-Konzept, wenn eine Box echten Bass und etwas höhere Lautstärken erzeugen soll. Dann gilt es nämlich große Luft­ mengen zu bewegen, und das geht nur mit großen Membranen, die dann aber im Hochton Probleme haben. Denn einerseits zappeln sie trägheitsbedingt nur wider­willig zigtausendmal in der Sekunde hin und her. Und wenn man sie dazu zwingt, winden sie sich unter den nötigen Kräften, entwickeln Resonanz­ Eigenleben und beginnen zudem stark zu bündeln, weil im Hochton die Wellenlängen deutlich klei­ ner sind als der Membrandurchmesser.

Je größer der Breitbänder ist, also je bass­ und pegeltüchtiger die geplante Box sein soll, desto schwieriger wird es, die bauartbedingten Probleme zu meistern. Wirklich neutrale, tonal ausgewogene Fullrange­Lautsprecher findet man daher eher in der Kleinkaliber­Klasse mit Treibern in Größen zwischen 75 und 125mm – etwa die John Blue JB3 mit ihrem 75er­Treiber, die sehr natürlich, räumlich und tieftonfreudig spielt, aber überhaupt nicht laut kann und daher eherfür Schreibtisch­ und andere Nahfeld­ anwendungen geeignet ist.

Heco hat sich an die Königsdisziplin des Breitbandbaus gewagt und für die Einklang einen 20­Zentimeter­Töner komplett neu entwickelt, der mit seiner üppigen Membran­ fläche auch größere Stereo­Dreiecke mit ech­ ter Dynamik füllen kann. Es ist ein wunder­ schönes Chassis geworden, das altmodisch aussieht, aber mit modernsten Mess-, Simulations- und Berechnungsverfahren in seine endgültige Form und Funktion gebracht wurde.

Als Membranmaterial dient Kraftpapier, eine hochfeste und zugleich leichte Zellulosemischung. Deren optimale Zusammensetzung und Verarbeitung – also zum Beispiel Faserarten und -längen oder die Art der Bindung – lässt sich weder in Büchern nachlesen noch im Voraus berechnen. So gesellt sich zu den Hightech- Entwicklungstools auch noch ein großes Maß an Empirik und Erfahrung, sprich zahllose Prototypen und Hörtest-Stunden.

Denn um als Breitbänder zu funktionieren, muss die Membran ein komplexes Eigenleben aufweisen, das man bei normalen Chassis gerade vermeiden will: Bei tiefen Frequenzen soll sie komplett kolbenförmig schwingen wie ein normaler Tieftöner, während sich in Richtung Hochton das innerste Segment sukzessive selbstständig machen muss. Ganz innen sitzt – quasi in Verlängerung der Schwingspule – der »Schwirr- konus«, ein kleiner Papptrichter, der die ganz hohen Frequenzen stärken und zugleich gleichmäßiger streuen soll.

Der Tiefton erhält Unterstützung durch zwei Reflexrohre, die diskret in Richtung Boden münden. Das resultierende Bassfundament ist üppig, aber hervorra- gend integriert und schön zwischen lust- vollsaftig und akkurat-straff ausbalanciert – sofern man die Heco auf ihren Alufüßen nicht zu nah an die Rückwand stellt. Hat man die richtige Entfernung mal herausgehört, ist die Optimierung aber längst nicht zu Ende: Die Direkt Einklang bündelt im Hochton stark und will penibel sowohl horizontal als auch vertikal austariert werden. Zielt man zu genau aufs Ohr, sticht der Brillanzbereich zu sehr her- aus, außerhalb des Sweet Spot kann die Box dagegen dunkel und nuschelig wirken.

Hinzu kommen eine ungewöhnlich lange Einspielzeit und eine verblüffend deutliche Reaktion auf den Eigenklang verschiedener Verstärker: Die Einklang ist ein Vollblut- Lautsprecher, den man erst bändigen und sich erarbeiten muss. Der Lohn der Geduld ist ein Klang, der so ziemlich jede andere Box dieser Klasse wie Fahrstuhlbeschallung wirken lässt: Wenn hier ein Schlagzeug einsetzt, dann hat das Größe und Wucht, aber auch punktgenaues Timing selbst bei höheren Lautstärken. Zur griffigen Rhythmik gesellt sich eine sagenhaft genaue Raumabbildung – keine fitzelige Puppenstubenbühne, sondern eine riesige Spannbreite an möglichen Abbildungsgrößen und -perspektiven. So holt man mehr Vielfalt, mehr Überraschungen und mehr Intensität aus jeder Plattensammlung. Genial, wie auf dem Vinyl-Soundtrack zu »The Young Americans« aus dem Jahr 1993 David Arnolds elegische Orchester- Scores auf die Elektrobeats von Sheep on Drugs und den Nine Inch Nails prallen: Da horcht man gerade noch den in dunklem Vintage-Sound aufgenommenen Streichern nach, erfreut sich an Björks Stimme, die engelhaft darüberweht – und wird ohne Vorwarnung von einem donnernden Techno-Truck gerammt. Die Kontraste und Konturen der Musik sind über die Heco so kraftvoll, dass der Raum zwischen den Boxen sich ganz von selbst mit Bildern füllt. Tonal perfekt ist die Einklang nicht. Wer sie direkt nach einer guten Mehrwege- Box hört, braucht ein paar Minuten Gewöhnung. Mehr nicht, denn für Breitbänder-Verhältnisse klingt die Einklang sensationell neutral – und tatsächlich enorm breitbandig in allen Bedeutungen dieses Wortes: uneingeschränkt bass- und hochtonkompetent, vor allem jedoch dynamisch extrem agil und glaubwürdig. Und das nicht nur an esoterischen Millionärs- Verstärkern, sondern an allen guten Ampsjenseits von 5 bis 10 Watt. Die gibt es deut- lich preiswerter als gute und starke Exemp- lare – etwa in Form des aktuellen Rega Brio für 800 Euro, der die Einklang kongenial ergänzt und ganz nebenbei einen überra- genden Phonoeingang mitbringt. Es ist diese Kette – angeführt von einem Rega Planar 6 mit Ortofon 2M Bronze –, zu der der Autor seit Monaten immer wieder zurückkehrt, weil sich trotz eines Hauses voller HiFi dazu keine überzeugende Alternative findet: Die Lebendigkeit, das Unberechenbare und Fordernde der Heco machen Musik wieder zum Abenteuer.

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